Die Sageokratie wird bisweilen als abstrakte Utopie abgetan, losgelöst von der Wirklichkeit der Organisationen. Doch mehrere ihrer Prinzipien finden ein unmittelbares Echo in längst erprobten Praktiken: der Unternehmensführung. Unabhängige Beiräte, Ethikausschüsse, Entscheidungen, die ebenso auf Kompetenz wie auf der Zahl der Stimmen beruhen — all das sind Mechanismen, die seriöse Organisationen täglich nutzen, ohne dass jemand darin eine Bedrohung für die Demokratie sähe.
Ein in der Wirtschaft bereits anerkanntes Prinzip
Ein gut geführtes Unternehmen überlässt seine strategischen Entscheidungen nicht allein der Abstimmung seiner zahlreichsten Aktionäre. Es stützt sich auf Gremien, in denen Erfahrung und Urteilsvermögen ebenso viel wiegen wie die Repräsentativität: Verwaltungsrat, Prüfungsausschuss, Ethikausschuss. Ein gängiges Beispiel veranschaulicht dies: Der Ethikausschuss eines großen Pharmakonzerns kann die Markteinführung eines rentablen Produkts stoppen, weil ein in den Verkaufszahlen unsichtbares Risiko erkannt wurde. Keine Aktionärsabstimmung fand statt — entschieden hat die Kompetenz, in den Dienst eines Rahmens gestellt. Die Sageokratie schlägt lediglich vor, diese in der Wirtschaft bereits anerkannte Logik auf die Ebene gesellschaftlicher Entscheidungen auszudehnen.
Kompetenz und Legitimität sind kein Gegensatz
Der häufigste Einwand stellt Kompetenz und demokratische Legitimität gegeneinander, als bedrohte die eine notwendig die andere. Die Unternehmensführung zeigt jedoch, dass ein Rahmen beide verbinden kann: Die Aktionäre wählen, aber es sind qualifizierte Gremien, die die komplexesten Entscheidungen erhellen und abwägen. Zu Recht wird man einwenden, dass diese Führung bisweilen versagt — Skandale, Kurzfristdenken, abhängige Aufsichtsräte. Das stimmt, und genau darin liegt die Lehre: Sie versagt immer dann, wenn ein Privatinteresse sie vereinnahmt, wenn die Kompetenz nur noch der Gewinnmaximierung dient. In Frage steht nicht das Prinzip, sondern sein Zweck. Die Sageokratie behält das Werkzeug — die durch Urteilskraft erhellte Entscheidung — und ändert, wem es dient: nicht mehr dem Interesse der Aktionäre, sondern dem Gemeinwohl.
Eine Logik zum Ausweiten, nicht zum Erfinden
Diese Verschiebung des Zwecks macht das Vorhaben greifbar. Auf der Ebene einer Stadt sähe es aus wie ein Gremium von Menschen, die für ihre Integrität und Erfahrung anerkannt sind und die Aufgabe haben, eine schwerwiegende Entscheidung zu erhellen — die Ansiedlung einer Infrastruktur, eine langfristig bindende Wahl —, ohne die Gewählten zu ersetzen, aber indem sie sicherstellen, dass kein wesentlicher Aspekt aus wahltaktischen Gründen beiseitegeschoben wurde. Die Sageokratie verlangt also nicht, ein noch nie dagewesenes Modell zu erfinden: Sie wendet im Dienst aller eine Logik an, die die Unternehmenswelt für ihre eigenen Zwecke bereits erprobt hat — und korrigiert dabei, was sie dort mitunter verzerrt.